
Schichtwechsel 2026 in Neuwied: 57 Beschäftigte und 30 Unternehmen tauschten Arbeitsplätze für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben.
Stell dir vor, dein Arbeitstag beginnt nicht wie sonst in der Werkstatt, sondern um kurz nach sieben im Fracht- und Logistikcenter in Koblenz. Genau das ist Lukas Kurr passiert. Er ist Beschäftigter bei der Kompetenzwerkstatt Neuwied im Bereich Aktenvernichtung — und hat beim bundesweiten Aktionstag Schichtwechsel für einen Tag den Job seines Vaters übernommen, der seit 42 Jahren bei der DHL Paket GmbH arbeitet. T-Shirt, Jacke, Arbeitsschuhe an, dann ging es ans Verladen, Scannen und Ausliefern. Die Tour, die sein Vater sonst täglich fährt, führt rund 60 Kilometer durchs Neuwieder Stadtgebiet und Umland, zu Privatkunden und DHL-Packstationen.
Das klingt erstmal wie eine nette Episode. Ist es aber nicht nur. Es ist genau die Idee hinter dem Schichtwechsel: für einen Tag die Seiten wechseln, Berührungsängste abbauen, sehen, was möglich ist.
Die Heinrich-Haus gGmbH hat den Aktionstag in diesem Jahr wegen der großen Nachfrage gleich auf eine ganze Septemberwoche plus weitere Tage ausgeweitet. 57 Beschäftigte aus den Werkstätten für Menschen mit Behinderung und den Betrieben der Heinrich-Haus gGmbH haben sich für den zeitweisen Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt entschieden. Manche haben dabei komplett neue Tätigkeiten kennengelernt, für andere war der Wechsel durchaus eine Herausforderung — Integrationsbegleiter standen den Beteiligten dabei zur Seite.
Insgesamt haben sich 30 Unternehmen aus der Region beteiligt, von der Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied über Edeka Kreuzberg Koblenz bis zur Stadtverwaltung Neuwied und mehreren Verbandsgemeinden. Die Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied, die schon seit Jahren Praktikumsplätze für Menschen mit Behinderung anbietet, hat während der Aktionswoche neun Beschäftigten einen Tauschplatz vermittelt. Umgekehrt haben 17 Teilnehmer aus der Abfallwirtschaft das Heinrich-Haus besucht — der Austausch ging also in beide Richtungen.
Alexander Ploch aus dem Personalmanagement der Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied beschreibt den Kern der Aktion so: Es gehe um die vielen kleinen Schlüsselmomente, das gemeinsame Arbeiten, den Austausch — ohne dass die Behinderung dabei im Mittelpunkt steht. Genau das sei für ihn Inklusion: Unterschiede nicht betonen, sondern selbstverständlich miteinander arbeiten und voneinander lernen.
Auch wirtschaftlich entstehen aus dem Schichtwechsel Verbindungen, die über den einen Tag hinausreichen. Benedikt Stollhof, Geschäftsführer der Orthopädiewerkstatt Sauer und Knorr und Mitglied im BNI Chapter Rhein-Wied, hat Willi Klein, der den Schichtwechsel in seinem Unternehmen absolviert hat, zu einem Netzwerktreffen eingeladen. Dort konnte sich Klein Vertretern regionaler Unternehmen vorstellen und von seinen Erfahrungen berichten. Solche Begegnungen sind kein Zufall — sie sind genau das, was die Aktion erreichen will: Fürsprecher aus Wirtschaft und Handwerk, die andere Unternehmen motivieren, Menschen mit Behinderung eine echte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Thomas Becker, Integrationsmanager der Heinrich-Haus gGmbH, führt die hohe Beteiligung in diesem Jahr auf Mitarbeiter zurück, die ganzjährig im Austausch mit Unternehmen stehen. Aus kurzen Einsätzen beim Schichtwechsel seien bereits längerfristige Praktika und Außenarbeitsplätze entstanden.
Unterstützt wurde die Aktion auch von Seiten der Politik: Neuwieds Bürgermeister Peter Jung, der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Rengsdorf-Waldbreitbach, Pierre Fischer, und der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bad Hönningen, Jan Ermtraut, haben sich engagiert.
Der Schichtwechsel ist kein regionales Format, sondern ein bundesweiter Aktionstag der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen, kurz BAG WfbM. Entwickelt wurde er bereits 2017 von den Berliner Werkstätten, seit 2019 koordiniert die BAG WfbM den Tag auf Bundesebene. Wie die BAG WfbM mitteilt, hat 2026 einen neuen Teilnahmerekord gebracht: Rund 400 Werkstätten bundesweit haben eigene Tauschaktionen organisiert, insgesamt rund 5.000 Tauschpartnerinnen und Tauschpartner waren dabei — davon etwa 3.000 Werkstattbeschäftigte und 2.000 Mitarbeitende aus Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes.
Das Prinzip ist einfach erklärt: Mitarbeitende aus Unternehmen lernen Werkstätten, Tagesförderstätten und andere Leistungsanbieter als das kennen, was sie sind — Experten der Teilhabe. Und Menschen mit Behinderung bekommen die Chance, ein Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes näher kennenzulernen, neue Berufsfelder zu entdecken und sich potenziellen künftigen Arbeitgebern vorzustellen. Über das verbindende Thema Arbeit entsteht so Raum für Begegnung — und für den Abbau von Vorurteilen und Klischees, wie die BAG WfbM betont.
Wer in Neuwied und Umgebung mehr darüber wissen will, wie Inklusion am Arbeitsplatz konkret gelingen kann, bekommt dazu bald Gelegenheit: Die Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald und das Heinrich-Haus laden am 27. Oktober 2026 von 17 bis 19 Uhr interessierte Arbeitgeber zur Veranstaltung „Fachkraft Inklusiv“ ins Berufsbildungswerk Neuwied ein. Dort soll praxisnah gezeigt werden, wie die Beschäftigung qualifizierter Menschen mit Behinderung in Betrieben gelingt und worauf es dabei ankommt.
Und wer den nächsten bundesweiten Aktionstag schon im Kalender vormerken will: Der Schichtwechsel 2027 findet am 23. September statt.
Was bleibt, ist dieser eine Gedanke: Manchmal braucht es gar nicht die große Reform, um etwas zu verändern — nur einen Tag, einen Tausch, ein Paket, das jemand anders ausliefert als sonst. Vielleicht lohnt es sich, in der eigenen Firma mal die Frage zu stellen, wer da eigentlich noch mitarbeiten könnte.






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