
Landrat Achim Hallerbach fordert strengere Einbürgerungskriterien im Kreis Neuwied, wo die Antragszahlen 2026 einen neuen Rekord erreichen könnten.
Wer regelmäßig durch Neuwied fährt, merkt es vielleicht gar nicht direkt — aber in den Amtsstuben der Kreisverwaltung läuft gerade etwas, das über die Region hinaus Beachtung findet. Die Einbürgerungszahlen im Kreis Neuwied steigen und steigen. Landrat Achim Hallerbach nennt das ein Alarmzeichen und fordert deshalb strengere Kriterien für die Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft.
Die Zahlen, die der NR-Kurier veröffentlicht hat, sprechen eine klare Sprache. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Landkreis Neuwied 979 Einbürgerungen — Rekordniveau. Landesweit lag nur Mainz mit 995 Neubürgern noch davor. Und 2026 könnte dieser Wert noch einmal übertroffen werden: Bis zum 23. Juni waren im Referat Personenstands- und Staatsangehörigkeitswesen der Kreisverwaltung bereits 731 Anträge eingegangen — mehr als die Hälfte der 1.146 Anträge aus dem gesamten Vorjahr. Bundesweit steigt die Zahl der Einbürgerungen bereits im fünften Jahr in Folge, die meisten Eingebürgerten stammen aus Syrien.
Hallerbach zielt mit seiner Kritik vor allem auf zwei Punkte: den Einbürgerungstest und die Sprachprüfung. Wie der NR-Kurier berichtet, spricht sich der Landrat für eine Rückkehr zur Einbürgerungsfrist von acht Jahren aus. Sein Argument: Es brauche funktionierende Kontrollmechanismen, um besser feststellen zu können, ob die Zustimmung zu den Inhalten des Grundgesetzes und zum deutschen Staatswesen überhaupt glaubhaft ist.
Konkret kritisiert er die Form des aktuellen Einbürgerungstests. Von 33 Fragen zur Rechts- und Gesellschaftsordnung müssen nur 17 richtig beantwortet werden — und der Test lässt sich beliebig oft wiederholen, ohne Sperrzeit. Auch beim Sprachnachweis sieht Hallerbach Nachholbedarf: Während in Deutschland das B1-Sprachzertifikat als Nachweis genügt, verlangen andere Länder bei der Bewerbung um die Staatsbürgerschaft eine freie Rede vor einer Kommission. Sein Fazit, wie es der NR-Kurier zitiert: Die Erteilung der Staatsbürgerschaft sei kein „nützliches Werbegeschenk“, die derzeitigen Regelungen seien nicht konsequent genug.
Im Referat, das sich um die Anträge kümmert, sind laut NR-Kurier Klaus Flesch, Carsten Schäfer, Heike Hanf-van der Steen und Lara Teichröb tätig. Flesch erklärt dort, dass man ausschöpfe, was das Gesetz hergebe, und dass eine an Rechtsgrundsätzen strukturierte Arbeitsweise dabei helfe. Fehlt von vornherein die Bewilligungsgrundlage für einen Antrag, werde bereits im ersten Informationsgespräch davon abgeraten.
Wichtig zu wissen: Seit Ende 2025 muss die Identität aller Einbürgerungsbewerber durch einen Reisepass nachgewiesen werden — der Personalausweis reicht auch für EU-Bürgerinnen und -Bürger nicht mehr aus. Wer falsche Angaben macht oder gefälschte Zertifikate vorlegt, bekommt eine Sperrfrist von zehn Jahren. Doch selbst bei korrekten Unterlagen bleibt ein Kriterium entscheidend: das glaubhafte Bekenntnis zum Grundgesetz. Hallerbach betont dazu, der Gesetzgeber setze bei jeder Einbürgerung ein glaubhaftes Bekenntnis zum Grundgesetz voraus — inklusive Respekt vor der Menschenwürde und Wissen um die weiteren wichtigen Inhalte darin. Ohne diese Voraussetzung sei eine deutsche Staatsbürgerschaft schlicht nicht möglich.
Was heißt das jetzt für uns hier an Rhein und Mosel? Zunächst einmal: Zahlen wie diese sind kein abstraktes Thema aus Berlin oder Mainz, sondern spielen sich mitten in unserer Nachbarschaft ab, im Kreis Neuwied, direkt vor unserer Haustür. Über 700 Anträge in nur einem halben Jahr — das sind über 700 Menschen, Familien, Geschichten, die sich gerade entscheiden, hier dauerhaft anzukommen.
Die Forderung des Landrats nach strengeren Kriterien wirft Fragen auf, die weit über Verwaltungsvorgänge hinausgehen: Wie viel Sprache braucht es, um sich zugehörig zu fühlen? Wie prüft man ein Bekenntnis zum Grundgesetz, ohne es zur bloßen Formsache verkommen zu lassen? Und wo verläuft die Grenze zwischen sorgfältiger Prüfung und Misstrauen gegenüber denen, die sich für dieses Land entscheiden?
Antworten darauf gibt es nicht von heute auf morgen. Aber die Debatte ist eröffnet, und sie wird uns in der Region noch eine Weile begleiten. Vielleicht ist das auch eine gute Gelegenheit, selbst genauer hinzuschauen, was in der eigenen Nachbarschaft gerade passiert — und sich eine eigene Meinung zu bilden, statt nur Schlagzeilen zu überfliegen.






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