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Der Mann, der König sein wollte: Warum Boppard eine echte Krone kennt

Boris Skossyrew war 13 Tage König von Andorra und starb in Boppard. Die kuriose Geschichte des Hochstaplers, der fast einen Staat eroberte.

Redaktion
·
16. Oktober 2026
Bild ist mit Hilfe von KI generiert
Zuletzt aktualisiert: vor 1 Tag

Eine Geschichte, die klingt wie erfunden – und doch wahr ist

Manchmal reicht ein Spaziergang über den Boppard-Friedhof nicht aus, um zu ahnen, wen man dort begegnet. Dabei liegt hier ein Mann begraben, dessen Lebenslauf selbst Drehbuchautoren zu dick aufgetragen vorkäme. Boris Michailowitsch Skossyrew, geboren 1896 in Vilnius, verstorben 1989 in Boppard, war für dreizehn Tage im Juli 1934 König eines europäischen Kleinstaats. König von Andorra, um genau zu sein. Und das ist keine Legende, sondern verbürgte Geschichte.

Vom russischen Adel ins britische Exil

Skossyrew stammte aus einer adeligen russischen Familie. Nach der Russischen Revolution floh die Familie 1917 nach England, wie es in der Online-Enzyklopädie de-academic.com heißt. Dort begann er eine Art diplomatische Laufbahn beim britischen Außenministerium, die ihn auf geheime Missionen nach Sibirien, Japan und in die USA führte. 1925 ließ er sich in den Niederlanden nieder, trat in die Dienste des Königshauses und erhielt von Königin Wilhelmina angeblich den Titel „Graf von Oranje“.

Wie das Blog History and Things berichtet, war an dieser glänzenden Fassade allerdings einiges erfunden. Skossyrew habe sich selbst als „Baron“ ausgegeben, einen Schulbesuch am Pariser Lycée Louis-le-Grand sowie ein Studium am Magdalen College in Oxford behauptet und sich als Jugendfreund des späteren britischen Königs Edward VIII. ausgegeben – alles frei erfunden. Tatsächlich sei er nach dem Ersten Weltkrieg mehrfach wegen gefälschter Schecks und des Diebstahls einer goldenen Uhr in der Presse aufgetaucht, und der niederländische Geheimdienst habe ihn als internationalen Hochstapler geführt.

Ein Plan reift in den Pyrenäen

Nach einer gescheiterten Ehe mit einer geschiedenen Frau zog Skossyrew nach Andorra und lebte in einem Haus in Santa Coloma bei Sant Julià de Lòria, das laut de-academic.com bis heute „Haus der Russen“ genannt wird. Andorra war damals ein armes, abgelegenes Land mit kaum 6.000 Einwohnern, regiert von zwei Fürsten gemeinsam: dem Bischof von Urgell und dem jeweiligen französischen Staatsoberhaupt. Die Geschicke des Landes lenkte ein Rat aus 24 Mitgliedern, der Generalrat der Täler. Genau hier witterte Skossyrew seine Chance. Er sprach mit Politikern, Bauern und Handwerkern, um die Stimmung im Land zu erfassen, so History and Things. Am 17. Mai 1934 trat er erstmals vor den Generalrat und bot sich als Reformer an – zunächst erntete er vor allem Spott. Doch er gab nicht auf, suchte Kontakt zu internationalen Zeitungen wie der Times und dem Daily Herald und positionierte sich als Stellvertreter des französischen Thronanwärters Jean von Orléans, Herzog von Guise. Seine Rechnung: Da aus monarchistischer Sicht nicht der französische Präsident, sondern der Herzog der eigentlich legitime Mitfürst sei, könne er, Skossyrew, als dessen Statthalter in Andorra auftreten.

23 von 24 Stimmen – und ein König auf Zeit

Sein Versprechen an die Andorraner: ein Steuerparadies nach dem Vorbild von Monaco oder Liechtenstein, mehr politische und religiöse Freiheiten, ein Casino, ausländische Investitionen. Nach Angaben von History and Things traf er damit tatsächlich einen Nerv – die Bevölkerung war unzufrieden mit fehlendem Wahlrecht, ein Jahr zuvor hatten junge Männer im Parlamentssitz Casa de la Vall für das allgemeine Männerwahlrecht demonstriert. Am 7. beziehungsweise 8. Juli 1934 – die Quellen nennen leicht unterschiedliche Daten – stimmte der Generalrat ab: 23 von 24 Vertretern votierten für Boris Skossyrew als König. Nur ein Abgeordneter aus Encamp stimmte dagegen. Eine erneute Abstimmung am 9. Juli bestätigte laut de-academic.com dieses Ergebnis. Skossyrew ließ 10.000 Exemplare einer eigenen Verfassung drucken, verschickte sie an spanische und französische Persönlichkeiten, empfing Gäste und hielt offizielle Ansprachen – als wäre er schon lange im Amt. Finanziert wurde das Ganze unter anderem von seiner Geliebten, der amerikanischen Millionärin Florence Marmon.

Das jähe Ende der Herrschaft

Lange hielt der Spuk nicht. Weder Frankreich noch Spanien nahmen die Sache zunächst ernst – beide Regierungen sahen offenbar keinen dringenden Handlungsbedarf. Doch der Bischof von Urgell, einer der beiden rechtmäßigen Mitfürsten, ließ sich die Angelegenheit nicht gefallen. Nach de-academic.com informierte der Ratsvertreter aus Encamp den Bischof, der daraufhin klarstellte, dass einzig er und der französische Präsident legitime Fürsten Andorras seien – nicht ein russischer Exilant. Am 21. Juli 1934, nur zwei Wochen nach der Wahl, schickte der Bischof spanische Polizisten nach Andorra. Skossyrew wurde festgenommen, seine „Untertanen“ leisteten keinen Widerstand. Über Barcelona ging es weiter ins Modelo-Gefängnis nach Madrid. Sein Königreich betrat er nie wieder.

Ein unruhiges Leben nach der Krone

Nach seiner Freilassung verbrachte Skossyrew die folgenden Jahre unter anderem in Portugal, Tanger und Gibraltar und pflegte weiterhin den Habitus eines Monarchen im Exil. 1938 erlaubte ihm Frankreich, sich in Aix niederzulassen, ein Jahr später saß er in einem französischen Internierungslager gemeinsam mit antifaschistischen Spaniern und Italienern. Wie History and Things schreibt, wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg zudem wegen angeblicher Kollaboration mit den Nationalsozialisten verhaftet und soll Jahre in sowjetischer Gefangenschaft verbracht haben, bevor er 1956 nach Westdeutschland übersiedelte. Am Ende führte sein Weg ihn nach Boppard am Rhein. Dort lebte er die letzten Jahrzehnte seines Lebens und starb 1989. Ein Mann, der einmal – wenn auch nur für dreizehn Tage – König eines europäischen Staates war, fand am Mittelrhein seine letzte Ruhe. Wer das nächste Mal am Rheinufer in Boppard steht, dem Nebel beim Aufsteigen zusieht und an die ruhige Kleinstadt-Idylle denkt, darf sich ruhig daran erinnern: Diese Stadt hat ihre eigene, sehr besondere Verbindung zur großen Geschichte der Hochstapelei. Manchmal steckt das Ungewöhnliche eben direkt um die Ecke.

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